Viennale 2013 – Tag 9: Le Passé

Es gibt so einiges an “Le Passé”, das mir wirklich gut gefallen hat, aber auch ein paar Kritikpunkte die für mich den ganz großen Wurf verhindern. Eine der größten Stärken des Films ist für mich, wie wir als Zuschauer – ähnlich wie die Hauptfigur Ahmad – völlig unvorbereitet in diese zerrütteten Familienverhältnisse geworfen werden. Sein Versuch, auf Bitten seiner früheren Frau hin zu intervenieren und mit ihrer Tochter zu sprechen, lässt ihn in ein Wespennest aus Lügen, Schuld, tragischen Ereignissen und Missverständnissen stechen, die daraufhin Verborgenes bzw. auch Verdrängtes aus der Vergangenheit der Figuren (daher der Titel) ans Tageslicht bringt. Eben dies steht im Zentrum des Geschehens: Die Schatten der Vergangenheit. Jene Schatten, die wir vor anderen und teilweise sogar vor uns selbst verbergen.

Mir gefiel die Ausgangssituation; wie Ahmad zu seiner früheren Frau zurückkehrt, um die Scheidungspapiere zu unterschreiben. Dabei ihren neuen Mann und dessen kleinen Sohn kennenlernt. So etwas ist immer schwierig, und jeder der schon mal ähnliches erlebt hat wird sein Unbehagen gut nachvollziehen können. Dann die langsame Eskalation der Ereignisse. Wie Ahmad ein Geheimnis nach dem anderen ans Tageslicht bringt. Die teils verborgenen Absichten der Figuren. Insgesamt würde ich sagen, wurde der Film bis zur Offenbarung rund um die Weiterleitung der E-Mails ständig besser – und eben dies und die daraus resultierenden Szenen stellten für mich dann den Höhepunkt des Films dar. Danach wurde es mir allerdings der Offenbarungen und Hakenschläge etwas zu viel. Alles rund um die Mitarbeiterin in der Reinigung hätte man sich meines Erachtens sparen sollen. Ich verstehe schon, dass auch diese Wendung im unmittelbaren Zusammenhang damit steht, was Asghar Farhadi hier aussagen/vermitteln wollte. Er wollte den Kreis der Geheimnisse halt noch um eine weitere Figur vergrößern und aufzeigen, wie auch Leute abseits der Familie davon betroffen sind. Mir persönlich war es nur halt eine Wendung zu viel. Zumal der komplette Film etwas zu lang war und diese Offenbarung für mich nicht mehr wirklich etwas zum Gelingen des Films beigetragen hat. Ich empfand es jedenfalls als unnötigen Umweg. Auch das Ende hätte man kürzen können. Die allerletzte Szene an sich, mit der Träne, war absolut phantastisch und sorgte schon fast für ein poetisches Ende. Aber die klischeehafte Szene davor, als er aus dem Krankenzimmer hinausgeht nur um wieder zurückzukehren, hätte man sich meines Erachtens sparen können.

Generell muss man festhalten, dass “Le Passé” nach recht bodenständigem Beginn, der sicherlich das eine oder andere beinhaltet mit dem man sich identifizieren kann, immer melodramatischer und damit auch abgehobener wird. Dies wurde zwar für mich erst bei der besagten Wendung rund um die Mitarbeiterin wirklich ein Problem – das erschien einfach den Tick zu viel, und etwas zu konstruiert, und drückte damit auf die Plausibilität und die Nachvollziehbarkeit des Geschehens – ist aber dennoch ein Punkt, über den man geteilter Ansicht sein kann. Was mich allerdings den ganzen Film über begeistern konnte, waren die schauspielerischen Leistungen – allen voran von Bérénice Bejo und Pauline Burlet, aber auch der Rest des Ensembles ist großartig. Was die Inszenierung betrifft, sind mir vor allem die warmen Farben aufgefallen, die teilweise in starkem Kontrast zur Handlung zu stehen schienen. Auch dies fand ich interessant. Insgesamt ist “Le Passé” ein sehr guter Film, der sich jedoch zum Ende hin eine Wendung zu viel erlaubt und dadurch für mich ein wenig an Wirkung verliert.
8/10

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