Ich /slash mich weg – Tag 10: We Are What We Are

Auch zum Kannibalen-Kleinod “We Are What We Are” gibts schon eine vollständige Filmkritik -> Review auf fictionBOX

Gleich vorweg: Ich habe das mexikanische Original bislang nicht gesehen, was einerseits bedeutet, dass ich zwischen Vorlage und Remake keinen Vergleich ziehen kann, und auch, dass ich – von der kurzen Inhaltsangabe auf der Festival-Seite abgesehen – “We Are What We Are” gänzlich unvorbereitet gesehen habe. Auch was die verantwortlichen Personen hinter der Kamera betrifft bin ich eigentlich komplett unvorbelastet in den Film gegangen, da mir der Name Jim Mickle irgendwie nicht in Erinnerung geblieben ist – was insofern vermutlich ganz gut war, als ich dessen “Vampire Nation” vor zwei Jahren beim /slash Filmfestival gesehen und mit einem doch eher kritischen Review bedacht habe. Wäre mir diese Verbindung vor der Filmsichtung bewusst gewesen, wäre ich wohl doch eher mit Skepsis als mit Vorfreude in den Film gegangen. An meiner überwiegend positiven Meinung zu “We Are What We Are” hätte dies hingegen auch nichts geändert – denn dieser ist ganz anders als “Vampire Nation”, und sollte vor allem Freunde des eher ruhigen, subtilen Horror-Dramas ansprechen.

Es gibt im Horror-Genre natürlich viele Strömungen, und grundsätzlich kann ich so ziemlich allen von ihnen etwas abgewinnen. Ich muss aber gestehen: Für jene Filme, die sich nicht um irgendwelche Monster drehen, sondern sich vielmehr mit dem Monster in uns selbst beschäftigen, habe ich ein ganz besonderes Faible. “We Are What We Are” schlägt in eben diese Kerbe, und serviert sein kannibalistisches Mahl zudem auch noch mit einer religionskritischen Beilage. In “We Are What We Are” geht es um familiäre, religiöse und gesellschaftliche Zwänge, und den verzweifelten inneren Kampf, entweder zu versuchen diesen zu entfliehen, oder aber sich ihnen zu ergeben. Die Makroebene wird dabei in diesem Horror-Drama gelungen auf das Mikrouniversum einer Familie umgelegt. Was die Aussage, den Tiefgang und den Interpretationsspielraum betrifft, hat mir “We Are What We Are” wirklich verdammt gut gefallen. Generell halte ich die Familiendynamik innerhalb der Parkers für eine der größten Stärken des Films. Zusätzlichen Schrecken erhält dieser natürlich auch aufgrund der kannibalistischen Rituale, denen die Familie nachgeht. Hieraus ergeben sich zahlreiche Szenen, die zumindest mir unter die Haut gegangen sind – wobei “We Are What We Are” überwiegend ohne blutige Szenen auskommt und sich der Horror hier eher im Kopf des Zuschauers abspielt. Was meines Erachtens in diesem Fall auch die völlig richtige Entscheidung war, da allzu explizite Szenen von anderen Aspekten des Films wohl nur abgelenkt hätten. Denn statt des physischen Akts der Gewalt geht es bei “We Are What We Are” vielmehr um die Psychologie dahinter – und eben dort fand ich ihn hervorragend.

Eine weitere ganz wesentliche Stärke des Films sind die phantastischen schauspielerischen Leistungen. Dabei stachen für mich vor allem die beiden Töchter hervor. Sowohl Ambyr Childers als auch Julia Garner spielen großartig, und zeigen eindringliche Leistungen, die mich trotz ihrer teils schrecklicher Taten mit ihnen sympathisieren ließen. Absolut brillant und einfach nur perfekt. Angesichts des hier gezeigten Talents hoffe ich jedenfalls, dass diesen beiden mir bisher gänzlich unbekannten Schauspielerinnen eine strahlende Zukunft bevorsteht. Auch Bill Sage darf nicht vergessen werden. Zu solch abscheulichen Taten er seine Töchter auch drängen mag, schafft er es dennoch, die Liebe zu seiner Familie und teilweise auch seine Hilflosigkeit und Verlorenheit – scheint er doch ohne seine Frau völlig überfordert zu sein – durchscheinen zu lassen. In kleinen, aber wichtigen Nebenrollen sind außerdem u.a. noch Kelly McGillis und Michael Parks zu sehen, die ebenfalls zum Gelingen des Films beitragen.

Jim Mickles Regie ist sehr still und stilvoll. Er sucht nicht das Spektakel, sondern konzentriert sich in erster Linie auf seine begabten DarstellerInnen, und konzentriert sich auf den inneren statt dem äußeren Schrecken. Dieser breitet sich zudem gemächlich, aber stetig, im Verlauf des Films aus. Dadurch mögen zwar für lange Zeit die ganz großen Spannungsmomente fehlen, langweilig fand ich “We Are What We Are” jedoch nie. Dafür fand ich das Geschehen zu erschreckend und war ich emotional viel zu sehr ins Geschehen involviert. Denn genau dies gelang dem Film meines Erachtens phänomenal: Mich mitfiebern zu lassen. Und vor allem zum Ende hin gibt es dann einige wirklich spannende Momente, wobei für mich vor allem die Dinnerszene hervorstach. Ihre Wirkung verdankt diese Szene wohl nicht zuletzt auch der Tatsache, dass ich dem Film zu diesem Zeitpunkt jedweden möglichen Ausgang, egal wie tragisch, zugetraut habe. Leider aber gibt es auch noch einen ganz großen Knackpunkt, der “We Are What We Are” für mich doch ein wenig herunterzieht. Denn so großartig der Aufbau auch war, der Showdown ist sehr genre-typisch und strotzt nur so vor Klischees und strunzdummen Aktionen der Protagonisten. Nachdem man uns 90 Minuten lang wirklich exquisite und auch durchaus exotische Horror-Kost serviert hat, bekommen wir zuletzt somit ein schal schmeckendes und abgestandenes Dessert serviert, dessen fahlen Beigeschmack leider selbst die dann wieder gelungenen letzten paar Einstellungen nicht mehr ganz wegwaschen konnten. Jedenfalls finde ich es sehr schade, dass die Filmemacher offenbar den Drang verspürten, sich zum Ende hin den üblichen Konventionen des Horror-Genres zu beugen.

Fazit: “We Are What We Are” ist ein eher ruhiges, stilles, nachdenkliches Horrordrama – konnte mich aber wohl eben genau deshalb mehr erschrecken und verstören als so mancher spektakulärerer Horrorfilm. Hier spielt sich der Horror eher im Kopf ab, und steht in erster Linie die Dynamik innerhalb dieser Familie und ihre schrecklichen Taten im Mittelpunkt des Geschehens. Eben genau diesem Punkt verdankt der Film auch seine Spannung, die sich konstant steigert, um schließlich in der fantastischen Dinnerszene ihren Höhepunkt zu erreichen. Jim Mickles Regie ist sehr stilvoll, und schmückt diese Erzählung über grausame Taten mit teils wunderschönen Bildern. Die wahre Stärke liegt meines Erachtens aber einerseits im Drehbuch, das einen kritischen Blick auf familiäre, religiöse und gesellschaftliche Zwänge wirft, sowie den phantastischen schauspielerischen Leistungen, allen voran von den beiden Film-Schwestern Ambyr Childers und Julia Garner. Schade fand ich nur, dass der Showdown letztendlich in die typischen Horror-Klischees verfällt und für meinen Geschmack zu konventionell gehalten ist. Gerade angesichts der doch eher ungewöhnlichen 90 Minuten zuvor stach dies für mich hier besonders unangenehm hervor. Davon abgesehen empfand ich “We Are What We Are” aber als erschütterndes psychologisches Horror-Drama.
8/10

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